Tageszeitung Junge Welt

junge-welt-logoMit aufrechtem Ja zum Nein

Ich bleibe immer sitzen, wenn jemand den Hitlergruß zeigt.« Alma Kettig verweigerte sich schon während ihrer Ausbildungszeit jedem politischen Opportunismus. Nazizeit und Krieg hinterließen auch bei ihr und ihren Angehörigen schmerzhafte Spuren. Am 5. November 1915 wird sie im bergischen Barmen in eine politisch engagierte Familie hineingeboren. Schon als 14jährige engagiert sie sich in der Sozialistischen Arbeiterjugend. 1931 tritt sie – gemeinsam mit ihrer Mutter – der gerade gegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei bei, einer linken, marxistischen Abspaltung der SPD. Innerhalb der Familie dürfte es rege politische Debatten gegeben haben, denn Vater und Schwester blieben in der SPD, während ein Bruder Kommunist wurde. Eines aber verbindet alle Kettigs: der antifaschistische Widerstand, dem sich auch Alma ab 1933 anschließt.

Nach dem Ende der Nazizeit wird sie SPD-Mitglied und als solches Frauenreferentin im Bezirk Recklinghausen. Ab 1947 engagiert sie sich in der Industriegewerkschaft Chemie, Papier, Keramik. »Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!« – diesem Motto folgt die Wittener Stadträtin unnachgiebig in der Bundesrepublik, die auf dem Weg zur Wiederbewaffnung war. Sie sagt als SPD-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Bocholt/Borken/Ahaus immer wieder nein zur Aufrüstung und gehört zu jenen 19 Sozialdemokraten, die am 6. März 1956 gegen die Grundgesetzergänzung zur Remilitarisierung aufstehen, auch gegen Druck aus den eigenen Reihen.

Anfang der 1960er Jahre gerät Alma Kettig immer stärker in Konflikte mit der Politik der SPD. 1965 verzichtet sie auf eine erneute Kandidatur für den Bundestag und legt auch ihre Parteiämter nieder. »Ich bedaure zutiefst, dass meine Partei, für die wir unter Hitler so viel gewagt haben und die so mutig und überzeugungstreu gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat, nicht in gleicher Einigkeit gegen alle Notstandsgesetze auftritt. Ein Sozialdemokrat muss mit der Zeit, aber er darf nie mit der Reaktion gehen«, schreibt sie.

Sie kehrt zurück an die Basis – und plädiert, wie schon in den 50er Jahren, dafür, den 8. März auch in der BRD als Internationalen Frauentag zu feiern. Auch innerhalb ihrer Partei sieht sie sich zunehmend Anfeindungen ausgesetzt: Wer links denkt, ist ein Kommunist, meinen viele. Alma Kettig denkt links. Sie demonstriert gegen den Vietnamkrieg, wird 1966 aktives Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft, schreibt Artikel für die Zeitschrift der Frauenfriedensbewegung, Frau und Frieden. 1976 gehört sie zu den Gründungsmitgliedern der Demokratischen Fraueninitiative.

Ihrer pazifistischen Überzeugung bleibt sie lebenslang treu. Die Sozialdemokraten haben nicht immer zu ihr gehalten, aber Alma Kettig zu ihnen. Die Partei zu verlassen, hätte für sie bedeutet, Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen. So einfach wollte sie es den Genossen nie machen. Sie bevorzugte stets das aufrechte Ja zum Nein. Am 5. August 1997 starb Alma Kettig 81jährig in Wuppertal.

von Ulrike Müller in der Tageszeitung Junge Welt vom 06.11.2015

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