Wuppertaler Rundschau

Wpt Rundschau100 Jahre Alma Kettig (Vortrag)
An eine streitbare Politikerin aus Barmen wird am Montag (21. Dezember 2015) um 19 Uhr in der ehemaligen Konsumgenossenschaft „Vorwärts“ an der Münzstraße 53 in Barmen erinnert: Die Historikerin und Sozialwissenschaftlerin Dr. Gisela Notz spricht über Alma Kettig, die vor kurzem 100 Jahre alt geworden wäre.

Alma Kettig, Großtante von Suzanne Kettig, Mitglied des Unterbezirksvorstandes der SPD und stellvertretende Vorsitzende der Wuppertaler Sektion der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF), wurde als Kind einer Arbeiterfamilie am 5. November 1915 in Barmen geboren, wuchs dort auf und gehörte von 1953 bis 1965 dem Deutschen Bundestag als Abgeordnete für Witten an.

Ihre Schwerpunkte waren die Friedens-, Frauen- und Sozialpolitik. Während des „Dritten Reiches“ war sie im Untergrund-Widerstand. Ab Mitte der 60er Jahre bekleidete sie Funktionen bei der IG Chemie-Papier-Keramik und war ehrenamtlich in führenden Positionen der westdeutschen Friedens- und Frauenbewegung sowie als stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Freidenkerverbandes aktiv.

Die Auseinandersetzung mit ihrer Biographie erlaubt spannende Einblick in die Entwicklungsgeschichte der Sozialdemokratie in der Weimarer Republik, dem „Dritten Reich“ und der Bundesrepublik der Nachkriegszeit, in die Frauen- und die Friedensbewegung sowie in Debatten über zentrale Fragestellungen nach 1945.

erschienen am 18. Dezember 2015

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Online-Dienst njuuz

NJUUZ… eine großartige Frau!

Alma Kettig hatte am 5. Nov. Geburtstag; sie wäre 100 Jahre alt geworden. Manchen ist sie noch bekannt als Friedensaktivistin, als Feministin, als Gewerkschafterin, als Sozialdemokratin oder auch als Freidenkerin.

Mit dem öffentlich sichtbaren Gedenken steht es hingegen nicht gut. Einer Initiative in Wuppertal ist es zu verdanken, dass seit kurzen mit einer Website zum Gedenken an Alma Kettig aus Wuppertal aufgerufen wird. Dort werden Informationen zu ihrem Leben und Wirken in Wuppertal, Witten, Bonn und anderswo zusammen getragen und laufend eingestellt.

Alma Kettig stammte aus einer politisch aktiven Arbeiterfamilie und  wuchs in Barmen auf. Beide Eltern hatten das Schneiderhandwerk erlernt. Schon als junge Frau engagierte sie sich gegen die Nazis. Später zog sie für die SPD in den Bundestag ein.

Ihr konsequenter Einsatz für Frieden und Frauenrechte brachte ihr manchen Ärger ein. Doch sie ließ sich nie beugen.
Der HVD Wuppertal wird sich an der Würdigung von Alma Kettig gebührend beteiligen.

Der Beitrag erschien am 10. Nov. 2015
beim Online-Dienst njuuz.

Tageszeitung Junge Welt

junge-welt-logoMit aufrechtem Ja zum Nein

Ich bleibe immer sitzen, wenn jemand den Hitlergruß zeigt.« Alma Kettig verweigerte sich schon während ihrer Ausbildungszeit jedem politischen Opportunismus. Nazizeit und Krieg hinterließen auch bei ihr und ihren Angehörigen schmerzhafte Spuren. Am 5. November 1915 wird sie im bergischen Barmen in eine politisch engagierte Familie hineingeboren. Schon als 14jährige engagiert sie sich in der Sozialistischen Arbeiterjugend. 1931 tritt sie – gemeinsam mit ihrer Mutter – der gerade gegründeten Sozialistischen Arbeiterpartei bei, einer linken, marxistischen Abspaltung der SPD. Innerhalb der Familie dürfte es rege politische Debatten gegeben haben, denn Vater und Schwester blieben in der SPD, während ein Bruder Kommunist wurde. Eines aber verbindet alle Kettigs: der antifaschistische Widerstand, dem sich auch Alma ab 1933 anschließt.

Nach dem Ende der Nazizeit wird sie SPD-Mitglied und als solches Frauenreferentin im Bezirk Recklinghausen. Ab 1947 engagiert sie sich in der Industriegewerkschaft Chemie, Papier, Keramik. »Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!« – diesem Motto folgt die Wittener Stadträtin unnachgiebig in der Bundesrepublik, die auf dem Weg zur Wiederbewaffnung war. Sie sagt als SPD-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Bocholt/Borken/Ahaus immer wieder nein zur Aufrüstung und gehört zu jenen 19 Sozialdemokraten, die am 6. März 1956 gegen die Grundgesetzergänzung zur Remilitarisierung aufstehen, auch gegen Druck aus den eigenen Reihen.

Anfang der 1960er Jahre gerät Alma Kettig immer stärker in Konflikte mit der Politik der SPD. 1965 verzichtet sie auf eine erneute Kandidatur für den Bundestag und legt auch ihre Parteiämter nieder. »Ich bedaure zutiefst, dass meine Partei, für die wir unter Hitler so viel gewagt haben und die so mutig und überzeugungstreu gegen das Ermächtigungsgesetz gestimmt hat, nicht in gleicher Einigkeit gegen alle Notstandsgesetze auftritt. Ein Sozialdemokrat muss mit der Zeit, aber er darf nie mit der Reaktion gehen«, schreibt sie.

Sie kehrt zurück an die Basis – und plädiert, wie schon in den 50er Jahren, dafür, den 8. März auch in der BRD als Internationalen Frauentag zu feiern. Auch innerhalb ihrer Partei sieht sie sich zunehmend Anfeindungen ausgesetzt: Wer links denkt, ist ein Kommunist, meinen viele. Alma Kettig denkt links. Sie demonstriert gegen den Vietnamkrieg, wird 1966 aktives Mitglied der Deutschen Friedensgesellschaft, schreibt Artikel für die Zeitschrift der Frauenfriedensbewegung, Frau und Frieden. 1976 gehört sie zu den Gründungsmitgliedern der Demokratischen Fraueninitiative.

Ihrer pazifistischen Überzeugung bleibt sie lebenslang treu. Die Sozialdemokraten haben nicht immer zu ihr gehalten, aber Alma Kettig zu ihnen. Die Partei zu verlassen, hätte für sie bedeutet, Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen. So einfach wollte sie es den Genossen nie machen. Sie bevorzugte stets das aufrechte Ja zum Nein. Am 5. August 1997 starb Alma Kettig 81jährig in Wuppertal.

von Ulrike Müller in der Tageszeitung Junge Welt vom 06.11.2015

Humanistischer Pressedienst

logoKalenderblatt „Alma Kettig“

Sie war politisch engagiert und unbequem

* 5. November 1915 in Wuppertal
Δ 5. August 1997 ebenda;
deutsche Politikerin der SPD, Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus, Gewerkschafterin, Friedensaktivistin und Freidenkerin. Zeit ihres Lebens war sie politisch engagiert und unbequem. …

Sie blieb politisch aktiv, engagierte sich in der Westdeutschen Frauen­friedens­bewegung, in der Gewerkschaft und wurde 1983 zweite Vorsitzende der Wuppertaler Orts­gruppe des Deutschen Freidenker­verbandes.

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WirFrauen

wp-frauen-invertEin aufrechtes Ja zum Nein

ALMA KETTIG
(5.1.1915 ~ 5.8.1997 in Wuppertal)

Sie besucht eine freie Schule, geht zur Jugendweihe, erlernt einen kaufmännischen Beruf. Früh schon stehen die Kettigs aktiv gegen die braune Gefahr an, wenngleich Faschismus und Krieg auch in der eigenen Familie schmerzhafte Spuren hinterlassen.

Das SPD-Parteibuch in der Tasche, reorganisiert Alma Kettig nach Kriegsende die Volksfürsorge, wird 1945 Frauenreferentin in Recklinghausen, 1946 Mitglied im Bezirksausschuss der Jusos und im Bezirksfrauenausschuss der IG Chemie, Papier, Keramik. “Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“ – diesem Motto folgt die Wittener Stadträtin konsequent in den Kinderjahren einer Republik der Wiederbewaffnung. Sagt auch ab 1953 als SPD-Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Bocholt/ Borken-Ahaus immer wieder NEIN und ist eine der 19 SozialdemokratInnen, die am 6. März 1956 gegen die Grundgesetz-Ergänzung zur Remilitarisierung aufstehen.

Wiedergewählt 1957, stimmt Kettig gegen Notstandsgesetze und Verteidigungsetat – und verlässt nach heftigen Diffamierungen kurz vor Ende der Legislaturperiode 1965 den Bundestag. Ohne finanzielle Absicherung. Arbeitet im Großhandel und als Journalistin. Und engagiert sich weiter: In der Westdeutschen Frauenfriedensbewegung der frühen 70er Jahre wie in der Demokratischen Fraueninitiative, die sie 1976 mit begründet (sie arbeitet in der Bundesgeschäftsstelle mit und schreibt für Wir Frauen), und beim Deutschen Freidenkerverband, dessen 2. Vorsitzende sie seit 1983 ist.

Der pazifistischen Überzeugung bleibt das unbequeme SPD-Mitglied lebenslang treu. Mischt sich überall ein als überzeugte Demokratin und Verteidigerin von Frauenrechten. Bis eine schwere Erkrankung ihr auch die letzte Kraft raubt.

Ulrike Müller in der Zeitschrift Wir Frauen 3/2015

Der Artikel wurde von der freundlichen Redaktion zur Verfügung gestellt.
www.wirfrauen.de

Wuppertaler Rundschau

Sollte möglich sein
Betr.: Umbenennung der Agnes-Miegel-Straße

Wpt Rundschau

Rechte Aktivitäten in letzter Zeit führten zu offiziellen Äußerungen, dass in Wuppertal kein Platz für rechtes Gedankengut sei. Die Schriftstellerin Agnes Miegel mit ihrem völkischen Gedankengut hat daher unserer Meinung nach auf einem Straßenschild in unserer „bunten“ Stadt keine Berechtigung. Ihr Gelöbnis „treuester Gefolgschaft für Adolf Hitler“ stützte das NS-Regime im Bereich Kultur. Auch nach dessen Ende rückte sie von ihrer rechten Gesinnung nicht ab.

In Vohwinkel konnte die Lettow-Vorbeck-Straße, die an einen maßgeblichen Kolonialkrieger im Ersten Weltkrieg erinnerte, in Edith-Stein-Straße umbenannt werden. Die mutige, katholische Ordensfrau mit jüdischen Wurzeln wurde 1942 im KZ Auschwitz ermordet.

Im Stadtbezirk Oberbarmen, wo sich die Agnes-Miegel-Straße befindet, sollte eine Straßenumbenennung nach einer anerkennenswerten Persönlichkeit ebenfalls möglich sein. Hier ist Alma Kettig aufgewachsen: Die Büroangestellte war seit 1953 für die SPD eine der ersten Frauen im Deutschen Bundestag. Mit besonderem Engagement trat sie für die demokratische Gestaltung der jungen Bundesrepublik ein.

Elke Brychta und Anna-Maria Reinhold, Wuppertal
Projekt „GeschichteGestalten

erschienen als Leserbrief am 23. April 2015