Frauen- und Friedensarbeit

Wit_Kettig_2Im Frühjahr 1946 besuchte Alma Kettig ihre erste Frauenversammlung in Bottrop – als Referentin. Danach sprach sie häufig auf Veranstaltungen über aktuelle Fragen der Nachkriegszeit wie z.B. die verheerende Säuglingssterblichkeit und die besondere Arbeitsbelastung für Frauen beim Neuaufbau Deutschlands. In jener Zeit arbeitete sie in Witten als Chefsekretärin in einem großen Chemiewerk, schrieb Artikel für die Jungsozialisten und engagierte sich in der Gewerkschaft IG Chemie, Papier, Keramik. Bereits 1949 wurde sie in den SPD-Bezirksvorstand Westlichen Westfalen gewählt und gehörte dem SPD Bezirksfrauenausschuss an, später auch dem Bezirksfrauenausschusses ihrer Gewerkschaft.

Im Nachkriegsdeutschland spielten Frauen eine gewichtige Rolle in allen Lebensbereichen. Es gab viele Frauenausschüsse, diese zielten darauf, die Lebens- und Wohnsituation zu verbessern. Politische Fragen wurden weniger diskutiert als vielmehr wirtschaftliche Notwendigkeiten. Grundsätzlich existierte eine ideale soziale Basis für die Emanzipation der Frauen und ein günstiges Klima, um Frauen für politische Organisationen zu aktivieren.

Kettig 1957Sie war 30 Jahre alt und wollte in Deutschland eine neue Demokratie aufbauen. Im Bundestag musste sie feststellen, dass „die wirklichen politischen Sachen, Justizausschuss, Außenpolitik, Wirtschaft“ fest in den Händen der „Herren der Schöpfung“ waren. Alma Kettig war von den Fähigkeiten der Frauen überzeugt und kritisierte jedoch, dass viele Frauen den Sprung zum Handeln nicht schafften, forderte dass Frauen mehr Selbstvertrauen gewinnen müssten. Diskussion und Erfahrungsaustausch in Frauengruppen und öffentlichen Versammlungen sei zur Durchsetzung ihrer Rechte notwendig. In der SPD selbst wurde diese Meinung nicht von allen geteilt. So ignorierten Sozialdemokraten auch den 8 März als Internationalen Frauentag, den Alma Kettig bereits in den 50er Jahren befürwortete.

Trotz zeitintensiver Arbeit hat sie sich auch ganz um praktische Probleme selbst gekümmert. Der Schriftsteller Erasmus Schöfer erzählte, dass Alma Kettig einmal stundenlang auf ihrem Fahrrad unterwegs war, um nach einer Wohnung für eine ledige Mutter zu suchen (in: Die Kinder des Roten Großvaters erzählen, 1975).

Nachdem die USA 1965 die Luftangriffe auf Nordvietnam verstärkten, verschärfte sich der Gegensatz zwischen den Kriegsbefürwortern und den Anhängern einer friedlichen Verhandlungsregelung. Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg begannen. Alma Kettig trat aktiv für die Beendigung des Vietnamkrieges ein.
So wurden die Deutsche Friedensgesellschaft (DFG) und die Westdeutschen Frauenfriedensbewegung (WFFB) auf sie aufmerksam; die DFG forderte von ihren Mitgliedern ein eindeutiges Bekenntnis zur Kriegsdienstverweigerung. Sie wurde bald in den NRW-Vorstand gewählt. Die WFFB-Zeitung „Frau und Frieden“ konnte sie als Redakteurin gewinnen. Mit den Zielen der WFFB gegen Aufrüstung und militärische Auseinandersetzung konnte Alma Kettig sich aufgrund eigener Erfahrung identifizieren, doch Gleichheitsgrundsätze, soziale Gleichheit, Streichung des § 218, Forderungen der Frauenbewegung in den 70er Jahren, kamen ihr zu kurz.

Ihre Vorstellungen manifestierten sich 1976 in der Gründung der Demokratischen Fraueninitiative (DFI). Deren Initiatorinnen – unterschiedlicher Weltanschauungen und Parteien – verband die Unzufriedenheit mit bestehenden Frauenorganisationen hinsichtlich der § 218-Kampagne, dem Eintreten für Gleichberechtigung, Entwicklung und Frieden – ohne militärischen Frauendienst. Eine Hauptaktivität der DFI war die Aktion „Frauen in die Bundeswehr, wir sagen nein“.

In der Überzeugung, dass Frauen- und Friedensarbeit notwendig war und bleiben wird, sagte sie: „Ich halte das Engagement für die Frauenbewegung unverändert für notwendig. Wenn man erst einmal von der Notwendigkeit überzeugt ist Veränderungen herbeizuführen, dann hat man eigentlich gar keine andere Wahl.“ Alma Kettig hat sicherlich zur Steigerung von Selbstbewusstsein und des politischen Bewusstseins von Frauen beigetragen und auch für diese Forderungen zu kämpfen.

Quellen
Julien, Helga (USA), Alma Kettigs Frauen- und Friedensarbeit, in: Appelius, Stefan (Hg.), Alma Kettig. Verpflichtung zum Frieden. Biographie einer Bundestagsabgeordneten. Oldenburg 1990
Notz, Gisela, Linkssozialistin im Bundestag: Alma Kettig (1915–1997), in: Junke, Christoph (Hg.), Linkssozialismus in Deutschland, Hamburg 2010, S. 106ff.

 

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