„Frauen in die Bundeswehr – wir sagen Nein!“

Dr__Dirk_Krueger_02Alma Kettig zum Gedenken

Am 5. November 2015 wäre die am 5. November 1915 in Wuppertal geborene, streitbare Kämpferin für Frieden, soziale Gerechtigkeit und Antifaschismus 100 Jahre alt geworden.

Eine Erinnerung an meine Begegnung mit Alma Kettig am 5. November 1985. Es war an ihrem 70. Geburtstag:

Und sie erzählte an diesem Tag in ihrer lebhaften Art zu sprechen von ihrem sozialdemokratischen Elternhaus, von ihren Besuchen der Volksschule und der Handelsschule in dem geliebten Wuppertal-Barmen und der anschließenden Arbeit für verschiedene Versicherungen, als Buchhalterin und Büroleiterin. Und sie erzählt von ihrer Übersiedlung nach und ihrer Tätigkeit in Witten.

Besonders beeindruckt haben mich natürlich die Schilderungen ihres politischen Werdegangs und der des Restes der Familie. Als Reaktion auf die Zustimmung der SPD zum Bau von Panzerkreuzern tritt die Mutter aus der SPD aus und in die SAP ein. Vater und Schwester bleiben, wenn auch zähneknirschend und mit miesen Gefühlen in der SPD. Bruder Otto („Er war der Radikalste von uns!“) schließt sich der KPD an. Und dann erzählt sie von ihren Aktivitäten im Widerstand der Sozialistischen Arbeiter Jugend (SAJ) gegen die Nazi-Barbaren. Schon vor der Machtübertragung an die Faschisten klebt sie mit Freunden Plakate, verteilt Flugblätter. Strahlende Augen bekommt sie bei der Schilderung der großen antifaschistischen Demonstration am 30. Januar 1933 bei der alle antifaschistischen Wuppertaler mitgemacht haben.

Aber sie erinnert sich auch an die Stürmung der Wohnung der Familie durch SA-Horden unmittelbar danach. Aber Alma gibt nicht auf. Sie beteiligt sich weiter vielfältig an den Widerstandsaktionen, selbst dann noch als die SAJ-Gruppe mit Peitschen und Hunden aus dem städtischen Jugendheim vertrieben wird.

Als der Bruder in die Illegalität gehen muss, der Vater verhaftet wird und die Mutter erkrankt, gibt sie die Widerstandsaktivitäten auf. „Wie hatten doch etwas Angst bekommen“, gesteht sie offen.

1945 schließt sie sich der SPD an, wird mit vielerlei Aufgaben und Funktionen betreut, arbeitet mit in der Gewerkschaft und agiert als Ratsherrin im Stadtparlament von Witten. 1953 und 1957 wird sie dann in den Bundestag gewählt und hat große Mühe, sich gegenüber der männlichen Übermacht Gehör zu verschaffen. Sie schildert eine sehr kritische Bestandsaufnahme aus dieser Zeit. Besonders beklagt sie die ständig hinter verschlossenen Türen gefassten Entscheidungen und die vielen Schau-Reden.

Dennoch wehrt sie sich mit aller Kraft gegen die Remilitarisierung, gegen die Gründung der Bundeswehr. Sie stimmt der Grundgesetzänderung nicht zu. Später arbeitet sie aktiv mit in der Kampagne „Kampf dem Atomtod“ und stimmt im Bundestag den Notstandsgesetzen nicht zu. „Ich wurde daraufhin in der SPD-Fraktion niedergemacht. Man arbeitete mit fiesen Unterstelllungen, mein Telefon wurde abgehört. Ich konnte das alles nicht mehr ertragen, ich konnte die Politik der SPD nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren. Ich wurde krank. Deswegen legte ich 1965 alle Ämter im Bundestag nieder.“

Es folgten drei bittere Jahre der Erwerbslosigkeit und finanzieller Not, denn es gab zu der Zeit noch keine Pensionen und Überbrückungsgelder für ausgeschiedene Bundestagsabgeordnete. „Aber ich habe mich nicht unterkriegen lassen.“ Sie findet schließlich Arbeit in einer Großhandelsfirma und wird bis 1975 aktiv in der IG Chemie, Papier und Keramik. Auch hier hat sie als Linke einen schweren Stand, wird angefeindet und angegriffen.

Politisch engagiert sie sich in der „Nach-68er-Ära“ auf vielfältige Art in der Bewegung gegen den Vietnam-Krieg der USA und für die Vietnam-Hilfe. Sie wird Mitglied in der Deutschen Friedensgesellschaft (DFG) und arbeitet aktiv in der Westdeutschen Frauen-Friedens-Bewegung (WFFB). „Unser Schwerpunkt war: ‚Frauen in die Bundeswehr – wir sagen Nein!’ Ja, und dann wurde ich, 1983, also vor zwei Jahren, auch noch zur stellvertretenden Bundesvorsitzenden des Deutschen Freidenkerverbandes gewählt. Du siehst, ich hab noch viel zu tun.“

Nach den Grundlagen ihres Lebens, ihres polischen Lebens gefragt, antwortet sie: „Meine politischen Ziele waren und blieben und bleiben bis heute die Ausrottung des Nazismus, die Vernichtung des Militarismus und der Aufbau einer sozialistischen Gesellschaftsordnung“. Das versichert sie mir mit ernstem Nachdruck.

Wir Nachgeborenen haben allen Grund, uns an diese außergewöhnliche Frau, die am 5. August 1997 verstarb, immer und immer wieder zu erinnern und ihr zurücknachzueifern.

Dr. Dirk Krüger
Vorstand bei VVN/BdA Wuppertal und
Studienkreises Deutscher Widerstand 1933-1945

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