An diese couragierte Frau zu denken …

NotzBildAlma Kettig, geboren am 5. November 1915 in Wuppertal, würde heute 100 Jahre alt werden.

Wahrlich ein Grund an diese couragierte Frau zu denken und sie nicht der Vergessenheit zu überlassen.

Liebe Alma,

es war mitten im Ersten Weltkrieg, als Du das „Licht der Welt“ erblicktest. Noch konntest du nicht kämpfen. Aber Deine politisch-engagiert Familie in Wuppertal-Barmen hat es auch für Dich getan. Schließlich war Dein Großvater während des Bismarckschen Sozialistengesetzes bereits verfolgt worden und Deine Eltern waren beide linke SozialdemokratInnen. Du besuchtest die Freie Schule in Barmen, eine koedukative, nicht religiös gebundene Schule, gingst zur Jugendweihe und lerntest von sozialistischen Lehrern, dass man sich zur Wehr setzen muss, wenn man nicht untergehen will. Anpassung an die bestehenden Verhältnisse war nie Dein Ding. Mit 14 Jahren tratst Du in die sozialistische Arbeiterjungend (SAJ) ein, nahmst drei Jahre später einen Job als Stenotypistin auf, um selbst Dein Geld zu verdienen und tratest in den Zentralverband der Angestellten ein. Du nahmst an den antifaschistischen Demonstrationen vor der Machtübernahme der Nazi-Faschisten in Wuppertal teil. Nicht nur Du, sondern Deine gesamte Familie bekam Schwierigkeiten wegen Deiner widerständigen Aktivitäten. Dein Bruder wurde verhaftet und Du brachtest Dich wegen Deiner Botendienste für die SAJ in Lebensgefahr. 1945 wolltest Du eine neue friedliche und demokratische Republik mit aufbauen, und dachtest, das könntest du am besten in der wiedergegründeten SPD.

Du wurdest eine engagierte Politikerin, die ihr Mäntelchen nie nach dem gerade wehenden Wind hängte. Über die Arbeit als Frauenreferentin im Bezirk Recklinghausen, kamst Du in den Stadtrat in Witten. In den 1950er Jahren hast du als überzeugte Pazifistin gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik gekämpft, die Du als „blanker Wahnsinn“ bezeichnet hast. 1953 wurdest Du in den Bundestag gewählt, wo Du am 6. März 1956 mit 18 anderen SPD-Abgeordneten gegen die Änderung des Grundgesetzes zur Remilitarisierung stimmtest. Du warst aktiv im Komitee „Kampf dem Atomtod“ und bliebst bei Deiner Überzeugung auch dann, als die SPD sich von der Antiatompolitik verabschiedet hatte. Das nahm man Dir übel. Aber erst nach der Abstimmung über die Notstandsgesetze und die Erhöhung des Verteidigungsetats – beiden widersprachst du bis zuletzt -, schiedst du aus dem Bundestag aus – nicht aus der SPD. Die Partei sollte sich weiter mit Dir auseinandersetzen. Du brachtest nun Deine pazifistische Meinung in die Arbeit von außerparlamentarischen (Frauen-)Organisationen ein und in den Deutschen Freidenkerverband als Vorstandsmitglied.

Schade, dass ich Dich nicht mehr kennenlernen konnte. Die Berge von Post, die Deine Freundinnen und Freunde an Deine Familie schrieben, als Du am 5. August 1997 die Augen für immer geschlossen hast, konnte ich mir an dem Küchentisch, an dem Du mit den Deinen so oft diskutiert hast, ansehen. Ein Satz blieb mir besonders in Erinnerung: „Wenn der Tod nicht Teil des Lebens wäre, wie sollte ich jetzt diese Leere verstehen?“zurück

Gisela Notz, Berlin
www.Gisela-Notz.de


Dr. Gisela Notz: Arbeiten zu Alma Kettig

Artikel in der Sozialistischen Zeitung:
www.vsp-vernetzt.de

G. N., Alma KettigFrauen in der Mannschaft, Bonn 2003, S. 264 – 282.

G. N., im „Wegbereiterinnen 2009“ (Pellens-Verlag, Bonn):
www.fes.de/archiv/adsd_neu/inhalt/recherche/r_wegbereiterinnen.htm

G. N., im Portal „Frauen-Ruhr-Geschichte“:
www.frauenruhrgeschichte.de

G. N., Vom Hin-weg-sehen und Hin-weg-hören: Von Menschen, die ihre fünf Sinne beieinander hatten, in: Gisela Engel/Gisela Notz (Hg.): Sinneslust und Sinneswandel. Zur Geschichte der Sinnlichkeit, Berlin: trafo-Verlag 2000, S. 117 – 123.

G. N., Alma Kettig (1915 – 1997) Eine sozialdemokratische Parlamentarierin gegen die Wiederbewaffnung, in: Detlef Bald/Wolfram Wette (Hg.): Friedensinitiativen in der Frühzeit des Kalten Krieges 1945 – 1955, Essen: Klartext 2010, S. 193 – 206

G. N., Linkssozialistin im Bundestag: Alma Kettig (1915 – 1997), in: Christoph Jünke (Hg.): Linkssozialismus in Deutschland. Jenseits von Sozialdemokratie und Kommunismus?, Hamburg: VSA 2010, S. 106 – 123

 

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