„… aber die wirklichen Weichen stellen wir nicht.“

erasmus_schoefer_klGern will ich im Namen der Mitglieder im Freundeskreis „Kinder des Sisyfos e.V.“ dazu beitragen, dass Alma Kettig an ihrem 100. Geburtstag Erinnerung und Würdigung zuteil wird.

Ich habe sie bisher nicht näher gekannt als bis zu dem Grade, den die allgemeinen Online-Veröffentlichungen auf entsprechende Recherche hin zulassen. Doch verdienstvollerweise hat einer ihrer Weg-, Zeit- und Streitgenossen, der Schriftsteller Erasmus Schöfer, die Selbstzeugnisse der Alma Kettig aufgezeichnet. Meine Informationen über die unerschrockene Antimilitaristin und Sozialdemokratin stammen also quasi aus einer originären Quelle und sind betitelt mit „Die Kinder des roten Großvaters erzählen“ (Taschenbuchverlag Fischer Frankfurt/M. 1976, S. 232 ff).

Dort ist z. B. ein Leserbrief zitiert, in dem Alma Kettig ihre Erfahrungen in die öffentliche Debatte wirft (eine Kontroverse offenbar), und der ihre lebenslang aufrechte Haltung deutlich macht: „Ich bin Mitglied der SPD (…) seit 1932. Nach der Machtergreifung der Nazis arbeitete ich illegal und besuchte regelmäßig meinen Bruder im Zuchthaus, der als Kommunist eingesperrt war. Nach 1945 war ich Bezirksvorsitzende der SPD-Frauen in Westfalen (…) und Bundestagsabgeordnete von 1953 bis 1965. Nach meiner langen politischen Erfahrung (…) unterzeichne ich politische Stellungnahmen lieber mit Kommunisten (…) als mit Reaktionären wie Strauß und Carstens.“

Dazu Schöfer, der Chronist: „Eine Vergangenheit, die nie die große Weltgeschichte bewegte, die auch keine Schlagzeilen machte, in der aber wach das angepackt und verändert wurde was greifbar war.“ Und der Autor fährt fort mit Beispielen aus Kettigs unermüdlichem Einsatz für die Gleichstellung der Frauen, für den Erhalt der demokratischen Grund- und Freiheitsrechte. Darin ein Zitat der frisch ins Parlament eingezogenen Bundestagsabgeordneten, das hoch aktuell erscheint angesichts lobbyistisch durchsetzter Gremien der GroKo von 2015: „Die Entscheidungen, über die wir dann abzustimmen hatten, waren von der Ministerialbürokratie vorbereitet, wenige Kollegen wußten einigermaßen Bescheid, wir übrigen hoben die Hand. Natürlich, viele Probleme sind so vielschichtig, daß da Experten ran müssen. Aber ich hatte den Eindruck, daß wir auch deshalb mit so viel Papier eingedeckt wurden, damit wir über die wichtigen, die Lebensfragen unseres Volkes, so wenig Zeit hatten uns sachkundig zu machen. (…) Ich wollte mit Menschen reden. Statt dessen habe ich eine Gesetzesmaschine bedient, eine Abstimmungsmaschine. (…) Was kann dieses Parlament denn bewirken? Wir reden und reden, aber die wirklichen Weichen stellen wir nicht.“

Entmutigen ließ sich Alma Kettig hingegen nicht. Sie musste den schleichenden Kurs der SPD Wehners und Schmidts mit ansehen, der ab 1960 zügig in Richtung Antikommunismus und Anpassertum hin zur CDU strebte. Alma Kettig hat sich dagegen gestemmt, trat offen vor allem gegen Wiederaufrüstung und gegen die Installierung der alten, belasteten Nazi-Offiziere in die neue Wehrmacht ein. Schöfer hat ihre Stellungnahme dazu fest gehalten: „Gewalt und Krieg sollten für immer geächtet sein im internationalen Leben, Konflikte wollte man auf die einzig menschenwürdige Art, nämlich durch Verhandlung und Kompromiß lösen. (…) Der Gedanke, daß Nazigeneräle eine neue Wehrmacht aufbauen könnten, wäre 1945 als blanker Wahnsinn erschienen. Für mich ist es heute noch blanker Wahnsinn.“

Es ist notwendig, an Sozialdemokraten wie Alma Kettig zu erinnern, die ein Leben lang die Grundwerte der Partei August Bebels hochhielten. An Frauen wie sie zu denken, deren frauen- und familienpolitische Arbeit sich nicht in Flohmärkten und Caritas erschöpft hat wie die von sicher gutmeinenden ASF-Frauen in zahlreichen Ortsvereinen. Sondern die an die gesellschaftlichen Ursachen sozialer Spaltung, von Diskriminierung, menschenfeindlicher Übergriffe, von Krieg und Terror heran gehen. Alma Kettig hätte sehr wahrscheinlich, säße sie noch im Bundestag, einer GroKo oder dem TTIP, den zurückWaffengeschäften und den Hartz4-Gesetzen widerstanden.

von Marianne Walz
Kinder des Sisyfos – Freundeskreis Erasmus Schöfer e.V.

 

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