frei denkend selbstbestimmt

Alma Kettig  (05.11.1915 – 05.08.1997)

SPD-Politikerin, Widerstandskämpferin, Gewerkschafterin, Friedensaktivistin

Unbenannt„Der demokratische Sozialismus stellt sich nicht die Aufgaben einer Religionsgemeinschaft. Christliche Ethik, Humanismus und klassische Philosophie sind geistige und sittliche Wurzeln des sozialistischen Gedankengutes in Europa. Der Sozialismus ist eine dauernde Aufgabe, Freiheit und Gerechtigkeit zu erkämpfen und zu wahren.“ (*)

Die Lebensgeschichte Alma Kettigs ist die einer engagierten Politikerin, die in der Frage um die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik mit ihrer kompromisslos pazifistischen Haltung ihre Parteikarriere in der SPD opferte.

Alma Kettig wurde am 5. November 1915 in Wuppertal-Barmen geboren. Ihre Eltern waren beide im Schneiderhandwerk tätig. Alma wuchs gemeinsam mit ihren vier Geschwistern in einem politisch sehr wachen Elternhaus auf. Beide Eltern waren Mitglieder der SPD. Vor allem die Mutter brachte die Kinder mit politischen und kulturellen Themen in Berührung. Sie nahm die Kinder oft mit zu Parteiveranstaltungen, wo sie, wie auch zu Hause, für die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern stritt.

Alma Kettig besuchte die „Freie Schule“ in Barmen, was für ihr weiteres Leben sehr prägend war und wo sie die Jugendweihe erhielt. Sie erlernte den Beruf der Stenotypistin, wurde Kontoristin bei der Volksfürsorge und trat dem Zentralverband der Angestellten bei.

Seit 1929 war sie Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). Aus Protest gegen die Tolerierungspolitik der SPD gegenüber der Regierung Brüning und dem Bau von Panzerkreuzern trat sie gemeinsam mit ihrer Mutter 1931 der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) bei. Almas Bruder Otto wurde Mitglied der KPD, ihr Vater und die Schwester Ilse blieben in der SPD. Daneben war Alma Kettig auch im SAPD-nahen Sozialistischen Jugend-Verband Deutschlands (SJVD) aktiv. Sie klebte Plakate und verteilte Flugblätter, um vor dem aufkommenden Nationalsozialismus zu warnen.

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten leistete Alma Kettig im Untergrund aktiven Widerstand in der SAJ-Gruppe. 1936 erkrankte ihre Mutter schwer. Nach etlichen Hausdurchsuchungen wurde ihr Bruder Otto schließlich verhaftet und in ein Zuchthaus nach Bremen gebracht. Dies war für die herzkranke Mutter fast zu viel, und so gab Alma aus Rücksicht auf ihre Mutter die illegale Arbeit vorerst auf. Die Mutter starb im November 1939. Almas Bruder Helmut fiel 1943.

1945 trat Alma Kettig in die SPD ein. Sie wurde Frauenreferentin im Bezirk Recklinghausen. 1946 wurde sie in den Bezirksausschuss der IG Chemie, IG Papier und IG Keramik gewählt.

1952 war sie eine von vier Frauen im Stadtparlament in Witten. Neben der Frauenpolitik galt ihr Interesse vor allem den Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik, der Abrüstung und Entspannung. Sie war sehr enttäuscht, als die Adenauer Regierung wieder eine Armee aufbaute. Der Gedanke, dass Nazigeneräle eine deutsche Wehrmacht aufbauen könnten, blieb für Alma Kettig bis an ihr Lebensende „blanker Wahnsinn“.

1953 wurde sie in den Bundestag gewählt. Innerhalb ihrer Partei gehörte sie zum linken Flügel. Sie war eine der entschiedensten Gegnerinnen einer Wiederbewaffnung und gehörte zu den engagiertesten Mitstreiterinnen der Friedensbewegung. Für ihren Kampf um Frieden ohne Waffen wurde sie in ihrer Partei zunehmend kritisiert. 1960 stimmte die SPD der Westbindung und der Nato-Mitgliedschaft der Bundesregierung zu. Kettig war das einzige Mitglied ihrer Fraktion, das gegen den Verteidigungsetat stimmte. Sie geriet unter Druck, ihr Mandat niederzulegen. Zugleich wurden Anschuldigungen geäußert, sie habe Informationen aus dem Innenausschuss an die Friedensunion und an die DDR weiter geleitet.

Vor diesem Hintergrund sowie aufgrund einer schweren Erkrankung legte sie 1965 alle Ämter im Bundestag nieder. Nach drei Jahren Arbeitslosigkeit arbeitete sie dann als freie Journalistin. Von 1970 bis 1974 arbeitete sie in der Westdeutschen Frauenfriedensbewegung (WFFB) und in der Redaktion der Zeitung Frau und Frieden. Als sich die WFFB auflöste, wurde Alma Kettig 1976 Mitbegründerin der Demokratischen Fraueninitiative.

1981 wurde sie Vorstandsmitglied im Deutschen Freidenkerverband Wuppertal e.V. Der Freidenkerverband Wuppertal hatte damals etwa 80 Mitglieder, die auf vielfältige Weise das Verbandsleben aktiv mitbestimmten. Alma Kettig engagierte sich hauptsächlich in der Bildungs- und Kulturarbeit, wo sie häufig Wochenendseminare organisierte. Ihr persönliches Interesse innerhalb des Freidenkerverbandes galt dem Lesekreis. Anfang der 90er Jahre legte sie aus Altersgründen ihre Ämter als 2. Vorsitzende und als Schriftführerin im Vorstand des Freidenkerverbandes nieder. Am 5. August 1997 starb Alma Kettig in Wuppertal.

Carola Wandslebe und Anna-Katharina Frins

(*) Kettig, Alma: Verpflichtung zum Frieden. Biographie einer Bundestagsabgeordneten, in: Schriftenreihe des Fritz-Küster-Archivs, Oldenburg 1990, S. 22


Beitrag erschienen in: HVD Berlin (Hg.), frei, denkend, selbstbestimmt. 22 Porträts freigeistiger Frauen, Berlin 2007, S. 69f.

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