Liebe Hausfrau!

Wit_Kettig_2Es wird soviel von Ihnen gesprochen, daß ich gern einmal von Ihnen selbst gehört hätte, wie SIE eigentlich über die gesamten Lebensverhältnisse denken.

Sie wissen ja aus Zeitungen und Rundfunk, daß der Bundeskanzler und einige Bundesminister nicht besonders wohlwollend über die hauswirtschaftlichen Fähigkeiten unserer Frauen denken. Eine kleine Blütenlese ihrer Äußerungen ist: Die Frauen müßten wieder „mehr mit dem Pfennig rechnen“, sie wollen „am liebsten nur Koteletts kaufen“ oder auch, sie „hätten das Maßhalten verlernt!“

Kettig FlugblattAls sozialdemokratische Abgeordnete weiß ich um diese Dinge. Sie können sich denken, daß die Anliegen der Verbraucher im Parlament hart durchgefochten werden müssen.- Kürzlich erst haben wir festgestellt, daß seit ca. einem Jahr ausser anderen lebenswichtigen Waren Obst um 15,4%, Gemüse um 32%, Fleisch u. ä. um 11% und mehr im Preise gestiegen sind. Butter ist seit 1952 um 36% und Hausbrand seit 1950 um mehr als 35% teurer geworden!

Deshalb haben mir so viele Male beantragt, daß die Einfuhrzölle, die auch heute noch bei Butter 25%, Fleisch 10%, Schmalz 20 – 22%, Milchprodukten 20 – 30% und selbst (trotz der geringen Ernte) bei dem Konservengemüse 20% betragen, wegfallen oder so ermäßigt werden, daß eingeführte Nahrungsmittel verbilligend auf unsere Preise wirken. Außerdem möchten wir seit Jahren ein wirksames Gesetz gegen Preistreiberei, damit man auch überhöhten Handelsspannen einmal bekommen kann. Jetzt steht es nur auf dem Papier und vermag gegen Preisspekulationen nichts auszurichten.

In großen Zeitungsinseraten (zu Lasten des Steuerzahlers!) verspricht die Regierung, weiter Preisauftriebe zu verhindern. Aber sie läßt sich so lange Zeit, bis selbst höhere Renten und Löhne durch die steigenden Preise wieder aufgehoben werden.

Kein „Preisindex“ wird diese Mehrausgaben registrieren, im Gegenteil, Sie werden weiter die Trostsprüche lesen, daß die Preise „fast gleich geblieben oder gar zurückgegangen seien.

Wie ich, werden auch Sie daran nicht mehr glauben und es sich verbitten, obendrein noch bei den Hausfrauen den Schuldigen zu suchen.- Diese gefährliche Preisentwicklung ist nur mit politischen Mitteln zu bannen, die Regierung und Bundestag in der Hand haben und gebrauchen können, wenn sie nur wollen!

Ich würde mich freuen, wenn Sie mir einmal Ihre Meinung dazu mitteilen würden. Es würde meine Arbeit im Parlament unterstützen.

Mit freundlichem Gruß!
Alma Kettig
Bundestagsabgeordnete


Der Text stammt aus einem Brief, mit dem sich die SPD-MdBs Käte Strobel, Irma Keilhack, Alma Kettig und Anneliese Reuning am 15.9.1957 an die Hausfrauen wendeten. Es war Wahlkampf um den Einzug in den Bundestag.

Quellen
www.europeana.eu
Archiv der sozialen Demokratie (AdsD)

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